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Vereins- oder Unternehmens-Historie

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Meine Besonderheit beim Schreiben einer Unternehmensgeschichte oder einer Vereinshistorie besteht darin, dass ich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen miteinbeziehe, die die Entwicklung begleitet haben. Auf diese Weise können sich die Leser (oder Zuhörer) viel besser in die Zeit hineinversetzen, in der sich das Ganze abgespielt hat.

Hier ein Beispiel für eine Firmengeschichte

Kleine Geschichte des Schuhhauses Strade

Inmitten der ersten Welt-Wirtschaftskrise und kurz nach dem berüchtigten schwarzen Freitag 1929 in New York gründet Heinrich Strade im Jahre 1930 seine kleine Schuhmacherei im Keller seines Wohnhauses Winsener Str. 11. Zu diesem Zeitpunkt war er gerade 18 Jahre alt. Auf nur 15 m² wurden an drei Tagen in der Woche Schuhe repariert. Den Rest der Woche arbeitet der junge Mann bei seinem Vater in einem Tabakwarenladen im Erdgeschoss des gleichen Hauses mit.

Damals, vor 75 Jahren war es noch möglich, ohne Meistertitel einen Reparaturbetrieb für Schuhe und Stiefel zu eröffnen. Das änderte sich erst sechs Jahre später mit der neuen Handwerksordnung. Der junge Betriebsinhaber wollte Bescheid wissen in seinem Beruf und so sammelte er Informationen und Erfahrungen im Schumacher-Handwerk, denn eine reguläre Vorbereitung auf die Meisterprüfung gab es damals noch nicht. Die Schuhmacher von damals waren noch sehr vorsichtig im Weitergeben von Wissen, denn sie fürchteten die nachwachsende Konkurrenz. Schließlich bestand er dann im Jahre 1937 die Meisterprüfung als Schuhmacher.

Im gleichen Jahr wurde auch das Groß-Hamburg Gesetz erlassen, mit dem Harburg überhaupt erst zur Freien und Hansestadt Hamburg gehörte. Während also Vater Heinrich Strade im Jahre 1911 in seinem Elternhaus in der Winsener Str. 11 noch als preußischer Königsuntertan auf die Welt gekommen war, wurde sein Sohn Gert 1939 dort als Hamburger “Jung” und Bürger der Stadtrepublik geboren.

1939 begann auch der II. Weltkrieg und Vater Heinrich Strade wurde eingezogen. Durch gute Beziehungen konnte er aber nachweisen, dass er für die Versorgung der Bevölkerung mit Schuhwerk unabkömmlich war. So wurde er 1942 aus der Wehrmacht entlassen, um zu Hause der Schuhmacherei nachzugehen. So entging er auch der Kriegsgefangenschaft.

Aber so ganz ungeschoren sollte die Familie Strade nicht dem Krieg entkommen. Ein Teil des Elternhauses wurde 1943 von Bomben getroffen und zerstört. Zum Glück waren keine Menschenleben zu beklagen, da der größte Teil der Familie in die Nordheide ausquartiert war.

Gert Strade erinnert sich, dass er auch in dieser schweren Zeit nie hat hungern müssen. In der Schuhmacherei gab es immer etwas zu tun und es blühte ein lebhafter Tauschhandel nach den Motto: Du reparierst mir meine Stiefel und ich gebe dir dafür Gemüse aus meinem Garten!

So überstand die Familie auch die schweren Jahre nach dem Kriege und konnte das Wohn- und Geschäftshaus in der Winsener Straße wieder aufbauen. Es gab in dieser Nachkriegszeit viele Kriegsversehrte, die eine spezielle Versorgung mit besonderen Stiefeln brauchten. Heinrich Strade erkannte diese Marktlücke und begann, sich auf die Anfertigung von Maßschuhen einzustellen.

Dabei gab es ein ständiges Ringen mit der staatlichen Versorgungsstelle, die aus Gründen der Sparsamkeit um jede Berechnungs-Position kämpfte. Nicht zuletzt um bei diesen Auseinandersetzungen gute Argumente zu haben, bildete sich Vater Heinrich Strade ständig weiter.

Im Jahre 1952 bestand er dann auch die Zusatzprüfung im neu erfundenen Beruf des Orthopädie-Schuhmachers als einer der ersten in Hamburg und erweiterte sein Elternhaus um den Werkstatt-Anbau. Dort befindet sich heute die Fußpflege.

1956 trat die zweite Generation Strade auf den Plan, als Sohn Gert nach der Schulzeit seine Lehre im elterlichen Betrieb begann. Nach dreijähriger Lehrzeit bestand er 1959 die Gesellenprüfung und weitere vier Jahre später die Meisterprüfung als Schuhmacher.

Die für die Abrechnung mit den Krankenkassen wichtige Zusatzqualifikation als Orthopädie-Schuhmacher musste sich Gert Strade auf Umwegen und mit viel Eigeninitiative selbst erarbeiten. Schließlich holte er als bereits fertig ausgebildeter Schuhmachermeister 1964 in Hannover die Gesellenprüfung als Orthopädie-Schuhmacher nach. Nach einjähriger Ausbildung an der dortigen, nach dem Kriege neu gegründeten Bundesfachschule für Orthopädie-Schuhmacher bestand er dort 1965 auch die Meisterprüfung.

Mit dieser doppelten Meister-Qualifikation bestens ausgestattet, arbeitete Gert Strade im elterlichen Betrieb 14 Jahre lang mit. Er erweiterte die Werkstatt und baute auch das Fachgeschäft aus. Später wurde auch das Schaufenster erweitert, das günstig an einer Bushaltestelle gelegen war und die früheren Kellerfenster wurden zugemauert.

Altinhaber Strade erinnert sich noch gut daran, wie er sich als Schusterjunge ärgerte, dass die Busreisenden vor dem Kellerfester ihre Koffer und Taschen abstellten. Manchmal habe er dann von innen die Koffer an diesem Kellerfenster festgebunden. Wenn dann der Bus kam und die Fahrgäste ihre Koffer und Taschen anheben wollten, waren sie nicht von der Stelle zu bewegen!

Heute bleiben die Fahrgäste von solchen Bubenstreichen verschont, aber das Schaufenster ist immer noch eine willkommene Ablenkung beim Warten auf den Bus, der von hier, die Haltestelle heißt Reeseberg,  mit der Linie 241 nach Borstelbek oder zum Vorderkamp, mit der Linie 143 zum Vahrenwinkelweg oder nach Emmelndorf und als MetroBuslinie 14 nach Eißendorf oder nach Fleestedt fährt. Der Harburger Bahnhof ist nur eine Station entfernt.

Gert Strade amüsiert sich über den Namen Reese“berg“, denn eigentlich ist hier vor dem Haus die tiefste Stelle in der näheren Umgebung. Das machte sich in früheren Zeiten bei starken Regenfällen sehr unangenehm bemerkbar, weil der Werkstattkeller dann gelegentlich voll Wasser lief. Bei der großen Sturmflut, im Februar 1962 dagegen gab es vor dem Haus nur wenige feuchte Stellen!

Dass damals etwas Ungewöhnliches passiert war, merkten die Schuhmacher erst daran, als plötzlich der Strom ausfiel. Bis heute malt sich Entsetzen in das Gesicht des Orthopädie-Schuhmachermeisters, wenn er davon berichtet, dass er seinen Kunden die versprochenen Schuhe nicht ausliefern konnte – wegen des hochwasserbedingten Ausfalls seiner Maschinen!

Im Jahre 1964 wurde mit Unterstützung der Einkaufsgenossenschaft Garant das Sortiment um die neuen Bequemschuhe erweitert. Seit dieser Zeit finden Kunden im Schuhhaus Strade nicht nur Konfektionsschuhe in verschiedenen Längen, sondern auch solche mit speziellen Weiten. Das ist insbesondere für Frauen interessant, die zwar lange, dabei aber sehr schmale Füße haben und die daher in normalem Schuhwerk keinen festen Halt finden.

Im Jahre 1979 übernahm Gert Strade von seinem Vater das Geschäft, der nun mit 68 Jahren in den verdienten Ruhestand trat. Leider konnte er diese Zeit nicht lange genießen, denn bereits zwei Jahre später, 1981 verstarb er. 1980 erlebte er aber noch das fünfzigste Jubiläum seines Betriebes mit, das auch damals festlich begangen wurde. Zuvor war er schon als langjähriger Obermeister der Orthopädie-Schuhmacherinnung vom Hamburger Bürgermeister Herbert Weichmann geehrt worden.

Unter der Regie von Gert Strade nahm der Verkauf von Bequemschuhen an Umfang zu. Bereits 1975 war ein zusätzlicher Verkaufsraum und ein Lager über der ehemaligen Werkstatt eingerichtet worden. Dort gab es endlich Platz zum Ausprobieren und Hin- und Hergehen für die Kunden. Seitdem gibt es im Schuhhaus Strade nicht nur Neuanfertigungen und Reparaturen von Maßschuhen sondern auch den speziellen Verkauf von Bequemschuhen.

Besonders ist hier hervorzuheben, dass die Konfektionsschuhe gleich zugerichtet werden können, also gezielt umgebaut werden. An Stelle von Schnallen können beispielsweise Klett- Verschlüsse angebracht werden, oder die Schuhsohle an der vorderen Spitze wird geglättet, damit ältere Menschen nicht gleich stolpern, wenn sie ihre Füße nicht mehr richtig anheben können.

Anfang der neunziger Jahre begann Gert Strade gezielt nach einem Nachfolger für sein Geschäft zu suchen. Seine beiden Töchter zeigten keine Neigung zur Orthopädie-Schuhtechnik und so hörte sich Herr Strade bei seinen Innungskollegen nach einem interessierten jungen Mann um.

1994 war mit Bernd Hauenstein ein geeigneter Kandidat für die Nachfolge gefunden, der nach bestandener Meisterprüfung an der Bundesfachschule für Orthopädie-Schuhtechnik in Hannover allmählich die Geschäfte übernehmen sollte. Im Jahre 1997 war es dann so weit. Doch anders als in den meisten anderen Handwerksbetrieben arbeitete Gert Strade in Betrieb seines Nachfolgers weiter. Auch seine Frau, eine gelernte Hebamme, ist bis heute als Fußpflegerin in dem Geschäft tätig, das ihr Schwiegervater gegründet hatte!

Diese langjährige und treue Verbindung hat auch bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Hause Tradition. Bereits mehrfach konnte ein silbernes Dienstjubiläum gefeiert werden. Gerade im Verkauf hochwertiger Bequemschuhe sei es wichtig, dass die Kunden immer wieder auf vertraute Fachberater stoßen würden, erklärt Alt-Inhaber Strade. Schließlich wollten viele Kunden ihre Leidensgeschichte nicht immer wieder erzählen, denn zum Beispiel Fachverkäuferin Elisabeth Zurek hat sich diese Hintergründe eingeprägt.

Ein solcher langjähriger Mitarbeiter ist mittlerweile auch Gregor Gut geworden, der von Geburt an querschnittsgelähmt ist und seine Arbeit in einem Rollstuhl verrichten muss. Für einen fünfstelligen Betrag wurde von Seiten der Behörde eine Höhen-verstellbare Schleifmaschine angeschafft, mit deren Hilfe Gregor Gut vollwertig mitarbeiten kann.

Eine Investition die sich bezahlt macht, sagt Inhaber Bernd Hauenstein. Denn der Mitarbeiter zahlt mit seinen Sozialversicherungsbeiträgen und Steuern die Maschine ab, die im Übrigen nur von ihm verwendet wird. Er kann trotz seiner schwersten Behinderung, ein fast normales Leben als Mitarbeiter in der Werkstatt führen. In der Betriebsgemeinschaft gilt er als lustiger Kamerad, mit dem man gerne einmal ein Späßchen machen kann.

So hat Bernd Hauenstein, der heutige Inhaber des Schuhhauses Strade die Tradition fortgeführt, dass es bei der Herstellung oder im Verkauf eines so persönlichen Produktes wie der Schuhe auf besonders ausgebildetes, talentiertes und erfahrenes Fachpersonal ankommt. Diese langjährigen Mitarbeiter durch persönlichen Einsatz, durch Fortbildung und nicht zuletzt auch durch Dankbarkeit zu fördern, ist wohl als das wichtigste Erfolgsgeheimnis des Schuh Hauses Strade an seinem 75. Jubiläum anzusehen.

Möge es den fleißigen Menschen im Schuhhaus Strade, im Hauptgeschäft in der Winsener Straße 11 und in der Filiale am Sand 18 gelingen, in diesem Sinne weiterzuarbeiten, um in 25 Jahren das 100. Betriebsjubiläum feiern zu können! jvh